Spurensuche
Rudolf Jacobs, ein Bremer Partisan in Norditalien 1944
Italien, Sommer 2018, der Bahnhof des kleinen Ortes Framura oberhalb der ligurischen Küste nahe der Cinque Terre. Neben dem Fahrplan „Genua-La Spezia“ hängt ein kleines, leicht vergilbtes Schild, das zu einer bereits vergangenen Veranstaltung einlädt. „In Erinnerung an Rudolf Jacobs aus Bremen, Wehrmachtsoffizier, Deserteur bei den Partisanen in Sarzana“. Darüber sehe ich das Foto eines etwa dreißigjährigen Mannes, mit schmalem und ernstem Gesicht. Ich frage mich: Ein Soldat namens Rudolf Jacobs, aus Bremen, meiner Stadt, der 1944 mit den italienischen Partisanen gekämpft hat? Wer war dieser Mann, dem in einem winzigen Dorf – achtzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg – ein Abend gewidmet wird, eine in Bremen unbekannte Person?
Zum zweiten Mal begegne ich Rudolf Jacobs in Sarzana, der schönen Stadt nahe La Spezia und dem Golf der Dichter. Dort, auf der Piazza San Giorgio, sehe ich ein altes, einst bürgerliches Haus und entdecke am Portal eine Marmorstatue: Ein Mann kämpft gegen einen riesigen Oktopus, Symbol des Faschismus. Darunter steht geschrieben, dass Rudolf Jacobs, „Offizier der deutschen Marine“, sich am 3. November 1944 für Freiheit und Frieden und „für eine ideale Heimat“ geopfert hat. Also ist der Bremer Soldat vom Schild in Framura hier gestorben.
So begann eine lange Recherche zwischen Italien und Deutschland auf den Spuren eines ganz besonderen und dramatischen Lebens.
Er, Sohn einer renommierten Architektenfamilie, Seemann, Architekturstudent, Ehemann und Vater zweier Kinder. 1944 ist der Soldat in Ligurien, nahe La Spezia, stationiert. Norditalien leidet unter der Besatzung der Wehrmacht und dem Terror der SS.
Die italienischen Kameraden von Rudolf Jacobs erinnern sich, dass er anders war als die anderen Deutschen. Er setzte sich zum Beispiel dafür ein, dass die Italiener, die an den Wehrmachtsbefestigungen arbeiteten, angemessene Nahrung und Löhne erhielten, und widersetzte sich den von den Deutschen durchgeführten Beschlagnahmungen. Rudolf Jacobs, der recht gut Italienisch sprach, versuchte auf jede Weise, die Bevölkerung zu unterstützen.
Gleichzeitig erlebt der Dreißigjährige aus Bremen den Krieg direkt an der Front, wo die Wehrmacht erbittert gegen die Westalliierten und die italienischen Partisanen kämpft. Er weiß von den Kriegsverbrechen, die Wehrmacht und SS gegen Zivilisten und Widerstandskämpfer begehen, die direkt neben der Villa in Pugliola, wo er stationiert ist, stattfinden.
Schließlich trifft der deutsche Soldat eine dramatische Entscheidung. Im Sommer 1944 desertiert er mit einem Kameraden, nachdem er heimlich Kontakt zu den Partisanen der Brigade Muccini aufgenommen hat. Seine Spuren führen in die Berge, nach Fosdinovo und Canepari, wo er mit den Partisanen gegen den Faschismus und für den Frieden kämpft.
Der Lebensweg des „Comandante Rodolfo“, sein Kampfname, endet in der Stadt Sarzana nahe La Spezia. Er wird am 3. November 1944 während eines Angriffs auf die Kaserne der italienischen Faschisten der „Schwarzen Brigade“ getötet.
Ulrike Petzold begibt sich auf die Spuren dieser außergewöhnlichen Figur – des Bremer Soldaten, der gegen zwei faschistische Länder kämpfte und dabei den Tod fand.
Bis heute wird er in Norditalien und in Sarzana, wo er begraben liegt, geehrt und erinnert – doch in Bremen, seiner Heimatstadt, ist er unbekannt.
Seit 2022 erinnert eine Gedenktafel am Eingangstor des Hermann-Böse-Gymnasiums an Rudolf Jacobs, der dort Schüler war, und an Hermann Böse, seinen Musiklehrer und ein Opfer des Nationalsozialismus. 2023 wurde zudem eine Schulpartnerschaft zwischen dem „Hermann-Böse-Gymnasium“ und dem „Liceo Arcelà Parentucelli“ in Sarzana, der Stadt, in der Rudolf Jacobs getötet wurde, geschlossen. Die Schüler der beiden Schulen treffen sich regelmäßig und befassen sich gemeinsam mit den Themen Faschismus und der Person Rudolf Jacobs.